Im Gespräch mit Posaunist Gilbert Tinner

Fans von Udo und dem Orchester Pepe Lienhard können sich freuen: Die Tournee „Da Capo Udo Jürgens“ wird im Januar/Februar 2026 mit 15 Konzerten in Deutschland und Österreich fortgesetzt. Auf dem Tourplan stehen unter anderem Berlin, Hannover, Rostock, Dortmund, Stuttgart und Wien. Das Erfolgsgeheimnis von „Da Capo Udo Jürgens“? Zwischen Udo auf der riesigen Videoleinwand und dem fantastisch aufspielenden Orchester Pepe Lienhard, das live auf der Bühne vor der Videoleinwand spielt, verschwimmen Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Wirklichkeit. 

In unserer neuen Interview-Serie stellen wir Euch die „Da Capo“-Mitglieder des Orchesters Pepe Lienhard vor: Der Schweizer Posaunist und Arrangeur Gilbert Tinner spielt seit 2005 im Orchester Pepe Lienhard und begleitete Udo Jürgens auf seinen letzten beiden Tourneen. Wir sprachen mit Gilbert über den Kindheitstraum, Lokomotivführer zu sein, die inspirierende Zusammenarbeit mit Udo und das Geheimnis des Clicktracks.

Gilbert, Du bist seit 2005 Posaunist beim Orchester Pepe Lienhard. Verrätst Du uns das Geheimnis des Orchesters, dass Ihr alle miteinander in dieser Formation so fantastisch und schon so lange zusammenspielt?

Ich spiele seit 2005 in der Pepe Lienhard Big Band und war auch Teil des speziell für Udo Jürgens zusammengestellten Orchesters. Das Besondere an diesen Formationen ist der enorme Teamgeist – musikalisch wie menschlich. Viele sind seit Jahren dabei, und das schafft eine große Vertrautheit. Jeder kennt die musikalische Sprache der anderen sehr genau, das Zusammenspiel funktioniert oft wortlos. Pepe versteht es hervorragend, Talente zusammenzubringen, die nicht nur musikalisch harmonieren, sondern auch menschlich. Wir arbeiten fokussiert, haben aber gleichzeitig Freude daran, gemeinsam auf der Bühne zu stehen – das überträgt sich auf das Publikum.

Ich durfte übrigens bereits seit 1995 mit Pepe zusammenarbeiten – als Musiker und Arrangeur in der Swiss Army Big Band. Diese frühe Zusammenarbeit hat unsere spätere Verbindung musikalisch wie persönlich geprägt.

Du spielst im Orchester Pepe Lienhard aber nicht nur Posaune, Du arrangierst auch für das Orchester …

Das stimmt – ich durfte für das Orchester Pepe Lienhard Arrangements schreiben, insbesondere für jene Konstellationen, in denen Udo Jürgens mit einer kleineren Band aufgetreten ist. In diesen Fällen wurde nicht die große Tourbesetzung eingesetzt, sondern eine kompaktere Formation.

Pepe hatte dabei immer klare Vorstellungen – sei es zur Form, zur stilistischen Ausrichtung oder dazu, welche Solistinnen und Solisten besonders hervorgehoben werden sollen. Diese Inputs habe ich jeweils aufgenommen und versucht, sie musikalisch stimmig und wirkungsvoll umzusetzen. Es war eine sehr inspirierende Zusammenarbeit, bei der ich viel Gestaltungsspielraum hatte – aber auch die Verantwortung, musikalisch genau zu arbeiten.

Es fühlt sich oft wirklich so an, als würde er mitten unter uns stehen.

Gilbert Tinner

Welche Udo-Jürgens-Titel hast Du arrangiert?

Ich habe Arrangements sowohl für das Orchester Pepe Lienhard als auch – vor allem – für die Pepe Lienhard Big Band geschrieben. Ich durfte etliche Titel aus den großen Tourneeprogrammen von Udo für die kleinere Band arrangieren, sodass Udo die Möglichkeit hatte, auch mit dieser Formation aufzutreten. Dabei habe ich versucht, den Klang und die Instrumentation des Tourneeorchesters möglichst optimal mit der kleineren Formation nachzubilden.

Du bist nicht nur Posaunist, Arrangeur und Dirigent, Du könntest das Orchester Pepe Lienhard mit der Bahn auch von Konzert zu Konzert fahren. Du hast in der Schweiz eine Ausbildung als Lokomotivführer SBB. Hast Du Dir damit einen Kindertraum erfüllt?

Definitiv! Die Eisenbahn hat mich schon als Kind fasziniert. Die Lokführer-Ausbildung bei den SBB war für mich ein Herzensprojekt – ein bewusster Schritt abseits der Musik, den ich mir irgendwann erfüllen wollte. Es war spannend, eine komplett andere Welt kennenzulernen, mit all ihrer Technik, Präzision und Verantwortung.

Und ja – ich fahre auch heute noch im Teilpensum für die SBB. Diese Tätigkeit gibt mir einen interessanten Ausgleich zur Musik: konzentriert, ruhig, mit einem ganz anderen Rhythmus. Es ist schön, dass sich diese beiden beruflichen Welten für mich so gut ergänzen.

Du hast die letzten beiden Tourneen von Udo begleitet. Wie war die Zusammenarbeit mit Udo?

Ja, ich durfte Udo bei seinen letzten beiden großen Tourneen begleiten. Die Zusammenarbeit mit ihm war beeindruckend und sehr inspirierend. Udo war ein Vollblutmusiker mit einem unglaublichen Gespür für Dramaturgie, Timing und Ausdruck. Gleichzeitig war er stets professionell, fokussiert und klar in seinen Vorstellungen – wusste aber auch den Moment und die Energie seiner Mitmusiker zu schätzen.

Trotz seiner riesigen Erfahrung hatte er grossen Respekt vor dem Orchester und begegnete allen auf Augenhöhe. Für uns Musiker war das sehr motivierend. Er war offen für Ideen, aber auch sehr präzise, wenn es um Details ging. Ich erinnere mich an viele intensive Proben – und an interessante, inspirierende Gespräche abseits der Bühne. Die Zeit mit Udo war musikalisch wie menschlich etwas ganz Besonderes – und sie bleibt unvergessen.

Udo war ein Vollblutmusiker mit einem unglaublichen Gespür für Dramaturgie, Timing und Ausdruck.

Gilbert Tinner

Udo singt bei „Da Capo Udo Jürgens“ auf der großen Videoleinwand, Ihr spielt auf der Bühne live dazu. Die Show ist so perfekt inszeniert, dass das Publikum phasenweise ganz vergisst, dass Udo nicht mehr in Eurer Mitte ist. Der Technik-Trick: Ihr arbeitet mit Clicktrack im Ohr …

Das stimmt – ohne Clicktrack wäre diese Form der Show nicht möglich. Wir spielen live zur Videoprojektion von Udo, und das Timing muss dabei auf die Sekunde genau stimmen. Jeder Einsatz, jeder Tempowechsel und jede Rubato-Stelle sind genau durchgeplant und im Ohr mit einem Klicksignal abgestimmt.

Für uns Musiker ist das eine besondere Herausforderung, weil die Musik einerseits sehr präzise sein muss, aber trotzdem lebendig wirken soll. Gleichzeitig ist es technisch sehr anspruchsvoll – es gibt keinen Spielraum für spontane Veränderungen. Aber genau darin liegt auch der Reiz: Udo ist durch das Video unglaublich präsent, und wenn alles perfekt zusammenspielt, entsteht für das Publikum eine Illusion, die emotional sehr stark wirkt. Es fühlt sich oft wirklich so an, als würde er mitten unter uns stehen.

Fotos der Interview-Reihe: Herbert Scheiwiler, Regula Marti, Marc Vorwerk

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