Udo Jürgens auf Solo Open Air Konzertreise im Sommer 2005

Der Philosoph der leisen Töne

"Ein Solokonzert ist für mich eine große Umstellung, weil ich gewohnt bin, mit Orchester zu spielen. Aber es reizt mich auch unendlich, weil es eine bereichernde und sehr tolle Arbeit ist. Ich freue mich darüber, dass das Bedürfnis der Menschen, Lieder in ihrer Urform zu hören, so wie man sie mal komponiert hat, doch durchwegs groß zu sein scheint. Natürlich habe ich nicht die Möglichkeit, mich akustisch und dramaturgisch mit riesigen und pompösen Arrangements zu steigern. Ich muß alles über das Herz, den Kopf und das Gefühl machen. Der Text ist viel wichtiger und dadurch kann ich über weite Strecken auch ein ganz anderes Repertoire spielen."

„Lassen wir uns treiben – um uns ein Sommerabend, Menschen ,- und meine Lieder.“
Udo Jürgens, Sommer 2005

„Udo wieder solo im Sommer 2005“

Emotionalste Momente erleben – zu sich selbst finden, ganz selbst vergessen verwegene Träume im Rausch der Musik träumen.
Eine der größten Herausforderungen eines jeden Musiker besteht sicherlich darin, Musik und Lieder in ihrer Urform zu präsentieren; sozusagen den Versuch zu unternehmen, sich selbst und den Zuhörer in die Phase des Entstehens zu versetzen und daran teilhaben zu lassen. Ein schwieriger Prozess, denn jedes Lied entwickelt sich weiter, jede Interpretation reift, jeder Versuch ein „reifes“ Lied zu verändern oder sich auf eine ursprüngliche Interpretationsform zu besinnen, birgt auch die Gefahr des Rückschritts, obgleich jede kreative Weiterentwicklung automatisch ein Fortschritt sein muß - Gedanken und Ängste eines Musikers - eines Philosophen.

Udo Jürgens weiß wovon und was er singt – soviel sei vorweggenommen – der Versuch ist ihm erneut geglückt.
Nach seinem überaus erfolgreichen Soloprogramm im Jahre 2002, präsentiert Udo Jürgens 2005 ein vollständig neues Repertoire mit Songs von gestern, heute und morgen. Bei dieser Konzertsaison soll die Schlichtheit im Vordergrund stehen – laute und leise Lieder aus fünf Jahrzehnten, die teilweise noch niemals live zu hören waren, kompositorische und lyrische Perlen schickt er nun endlich auf ihren gerechten Weg.

„Jetzt oder nie!“ - neue Lieder

Vorher weist Udo jedoch noch den künftigen Weg und dieser heißt „…packen wir´s an - Jetzt oder nie!“ – weniger ein Motto, eher schon eine dringend notwendige Philosophie, passend zur vorgezogenen Bundestagswahl 2005. Diese Nummer vermittelt inhaltlich jenes Gefühl, das seit längerem gerade in Deutschland abhanden gekommen zu sein scheint. Kein „typischer“ Jürgens, diese Komposition – hier klingt zu einem zukunftsorientiertem intelligenten Text ein neuer frischer Sound zu einem dynamischen Slogan durch, eben „typisch Udo“ - wieder mal seiner Zeit voraus.

“Udo spielt Jürgens…bis ans Ende seiner Lieder“

Inspiriert durch Reinhard Mey, der Udo im Jahre 1970 zwei Texte zur Vertonung überließ, erzählt er ganz leise zu den sanften Tönen eines E-Pianos die Geschichte vom persönlichen Zwiespalt, einen intimen Brief zu verfassen - „Auf meinem Tisch ein weißer Bogen“. Ein großes Chanson von Liedermacherqualität – wie schade, dass es nur zu dieser einmaligen Zusammenarbeit dieser beiden großen Künstler gekommen ist. Merklich aufmerksam lauscht das Publikum diesen Tönen – einige scheinen den Titel zu kennen, was auch darauf schließen lässt, dass doch ein gros Udo Jürgens´ Konzertpublikum gerade die textbetonten und leisen Lieder liebt – getreu dem Motto „Es sind nicht immer die Lauten stark“. Gerade in diesen Zeiten der Oberflächlichkeit, der Superlative und des Konsums scheint die Besinnung auf wesentliche Aussagen doch tatsächlich wieder in den Vordergrund zu rücken.

Wie viele dieser Lieder in der Schublade liegen oder ihr Dasein versteckt auf wenigen seiner unzähligen Tonträger im Schatten fristen wird deutlich, wenn man an „Manchmal kannst du nicht schlafen“ und „Im Kühlschrank brennt noch Licht“ denkt – ein geplanter Programmpunkt, der leider der Kürzung zum Opfer gefallen ist. Es folgt ein Wechselspiel aus satirischen, jazzigen Songs und Balladen, darunter die Geschichte vom „Schuft“, eine Erinnerung an Udos Zeit in Harlem in den 50er Jahren mit „That lucky old sun“ und das autobiographische „Ich würd´es wieder tun“, mit dessen Aussage sich wohl so mancher selbst identifizieren kann.

Von einem Welthit kann man sprechen, wenn man an „If I never sing another song“ denkt. Die ursprüngliche Komposition aus dem Jahre 68 schrieb Udo der viel zu früh verstorbenen Schlager- und Chansonsängerin „Alexandra“ auf den Leib. „Illusionen“ hieß der Titel, den Udo 5 Jahre später selbst für eine Schallplattenproduktion produziert. Die englische Fassung mit einer anderen Message wurde von zahlreichen Weltstars wie Matt Monroe oder Shirley Bassey aufgenommen. Selbst seinem Idol Frank Sinatra bat Udo diese Komposition an – leider zu einer Zeit, in der Frank Sinatra aus gesundheitlichen Gründen keine Platten mehr produzierte. Daher ging dieser große Wunsch nicht mehr in Erfüllung, obwohl Frank Sinatra von Udos Komposition begeistert war. Jedoch übergab Frank Sinatra den Titel an Sammy Davis jr., der „If I never sing another song“ seitdem immer zum Abschluss seiner Konzerte gesungen hatte. Auch Udo produzierte zwei englische Versionen dieses Titels – anlässlich seiner Jubliläumstournee 1994/95 schrieb ihm dann Michael Kunze einen komplett neuen Text in deutscher Sprache mit der Message der englischen Version auf den Leib. „Gäb’ es nur noch dieses Lied für mich“ …und „Ähnlichkeiten mit anwesenden Personen seien rein zufällig“, bemerkte er vor der Interpretation dieses Liedes.

Wer an die Tournee „Udo hautnah 84/85“ zurückdenkt, dem ist sicherlich noch das bemerkenswerte Gitarrensolo des in der Schweiz lebenden Gitarrenvirtuosen Francis Coletta im ersten Teil des Konzertprogramms in Erinnerung. „Matador“ – die Geschichte der Stierkampftragödie kann nach 20 Jahren wieder „hautnah“ miterlebt werden.

“…keine Weicheier und immer-wieder-selbe-Lieder-hören-Woller“

So kurzweilig, wie die erste Konzerthälfte begonnen hat, gestaltet sich ebenso die Fortsetzung.
Udo macht mit diesem Konzertprogramm an den schönsten Open Air Bühnen Deutschlands und Österreichs Station. Welch gravierend dramatischen Einfluss die äußeren Umstände doch auf das subjektive Konzertempfinden vieler einzelner Besucher haben, wird spätestens nach der vierten Vorstellung deutlich. Erst jetzt kann der Künstler ohne Wolkenbrüche sein Programm so präsentieren, wie er es ursprünglich geplant hatte.

…und an dieser Stelle muss auch der aufmerksame Konzertbeobachter bekennen, dass in den vergangenen Jahren eine deutliche Veränderung des Publikums in der Wahrnehmung des Konzerterlebnisses stattgefunden haben muss.

Geteilte Meinungen über eine eindeutige emotionale Darbietung sind zu hören und sogar zu lesen.

Wer hier die großen Partyhits erwarte, sei fehl am Platze, so sollte man meinen – aber selbst die hat der Künstler clever verpackt in das Programm integriert. Warum also Kritik kommentieren, die nicht zur Debatte steht – ein neu-deutsches Phänomen.

Vom erloschenen Feuer und kalter Liebe auf der Reise nach Paris – einfach so nur zum Spaß folgt die eindeutige Einladung „Bleib’ doch bis zum Frühstück“. Bedeutend intensive Interpretationen von „Mein Baum“ am E-Piano und „Was wichtig ist“ leiten nun zu einem der wohl wichtigsten Lieder des Abends über – möglicherweise sogar einem der bedeutendsten Songs in Udo Jürgens Karriere. Kein einfaches Lied, kein Chanson - die Lebensphilosophie und die Botschaft eines Udo Jürgens - bislang noch nie auf so gekonnte Art und Weise musikalisch interpretiert. Das perkussive Gitarrenintro des französischen Gastmusikers lässt etwas komplett Neues erahnen.

„…ich sitze hier seit vielen Jahren und schlage Töne an, bin Rufer in der Wüste und ruf so laut ich kann…“
„…ich will die Heuchler jagen, durch´s eigene Mienenfeld…“
„..ich will, dass Du mein Singen hörst, und dass es Dich berührt…“
„…ich will alles sein, nur nie brav und bieder – bis ans Ende meiner Lieder.“

In der Hoffnung, dass endlich der letzte Kritiker erkennt, dass es sich hier um kein triviales Schlagerkonzert, sondern um große Kunst handelt. Große Kunst ist ebenfalls die Fähigkeit, satirische Texte mit der nötigen Portion Ironie, Wortwitz und einem realen Bezug zum Alltag zu verfassen – ein Meister dieser Textform ist Wolfgang Hofer, der wiederum einen Großteil der neuen Songs verfasst hat. Grönemeyers „Männer“ war und ist ein Megahit – warum sollte es nicht auch Udo Jürgens’ „Frauen“ werden – verdient hätte es diese Nummer in jedem Fall. Obwohl dieser Titel noch nie vorher live präsentiert wurde, ist das Hitpotential auch für die Hörerschaft sofort erkennbar – so reiht sich „Frauen“ wunderbar in den darauf folgenden Hitreigen ein und wird eifrig mitgesungen.

„Da Capo“ – „Deinetwegen“ - eine eindrucksvolle Verschmelzung zweier großen Lieder, die das Finale einleiten sorgen für Gänsehaut… nicht nur unterm Smoking. In diesem Moment wird wieder deutlich, welch großer Künstler seine Songs hier solo am Piano zelebriert. Vergessen sind in diesem Moment die „Immer-wieder-die-selben-Lieder-hören-Woller“, jene Unverbesserlichen Pseudokenner, die immer noch meinen, jedes Klischee erörtern oder gar kritisieren zu dürfen. Jene, die glauben äußere Umstände seien bedeutsamer als wesentliche Inhalte – all die immer wieder „in-Szene-setzen-Woller“.

All dies scheint in jenem Moment vergessen, in dem wieder mal bewusst wird, dass jeder „seine Karte am Eingang bezahlt“ hat. Eine passendere Überleitung zum weisen Rat auf den „Mann mit dem Fagott“ zu hören, hätte es an dieser Stelle nicht geben können - und so lauscht das Publikum den Balalaikaklängen.

Berührt hat er wieder mal auf dieser Konzertreise, emotionalisiert und nachdenklich gemacht – mach einer ist vielleicht ein kleines Stückchen weiser geworden. Und wenn auch Udo Jürgens’ Philosophie unverstanden bleibt und viele Wünsche nicht in Erfüllung gehen…
„…ja, weil das nicht gelingt, versucht er’ s immer wieder - bis ans Ende seiner Lieder“

Dominik Beckmann, Juni 2005

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