Udo Jürgens 2009 auf Tournee: „Einfach ich“ in München
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"Souverän und demütig"

von Alexander Kinsky

Fast 75 Jahre jung ist er, und seit einem Monat tourt er wieder, mit dem auf 22 Personen aufgestockten Orchester Pepe Lienhard, und endlich kommt er nach München. 10.000 Menschen füllen die Olympiahalle. Das Klaviermedley geht in der Halle etwas unter. Als der Tontechniker bei „Aber bitte mit Sahne“ etwas lauter dreht, klatschen die Leute sofort mit. Dann wird es dunkel auf der Bühne. Das Orchester stellt sich auf und beginnt das Konzert mit einem recht interessant arrangierten Medley. Darin enthalten sind „Einfach ich (Fanfare)“, „Ein ehrenwertes Haus“, „Aber bitte mit Sahne“, „Griechischer Wein“, „Merci Cherie“, „Ich weiß was ich will“, „Liebe ohne Leiden“, „Ich war noch niemals in New York“ und noch einmal „Einfach ich“ – und wieder wird es dunkel.

Die Spannung löst sich, als das Licht wieder aufblendet und Udo am schwarzen Schimmel-Flügel sitzt, einfach er, „Einfach ich“. Ein sehr persönliches Bekenntnis, und gleichzeitig der Auftakt zu einem Konzert, das gehört werden will, wirklich gehört und nicht nur als Unterhaltungsabend genossen. Zum Finale des Liedes geht Udo an die Bühnenrampe – großes Entertainment, wie gehabt, jedes Lied ist in seinem Ablauf perfekt einstudiert, zwischen Verzögerungen und imposanter Orchesterwirkung. In seinen einleitenden Worten erinnert sich Udo an die Jugend, an die ersten Münchner Konzerte im Deutschen Museum und im Circus Krone, und er begrüßt die, die damals schon dabei waren genauso wie die, die das erste Mal hier sind und auch die Mitgeschleppten. Und er dankt dem Publikum, das ihm nach so vielen Jahren noch die Chance gibt, derartige Tourneen durchzuführen. Heiter verpackte Zeitkritik: „Der Tanz auf dem Vulkan“! Das persönliche Hohelied der Liebe: „Sie ist stärker als wir!“ Und dann spricht Udo über die Finanzkrise, von der keiner weiß, worum es wirklich geht. Und er resümiert, wenige hätten etwas gemacht, was viele ausbaden müssten. Das neue Wort für Gier sei „Gewinnoptimierung“. Udos „Fehlbilanz“ kommt teilweise nur mit Udo am Klavier, teilweise aber auch ziemlich rockig daher. Nicht erst hier zeigt sich die stilistisch grandiose Bandbreite des Orchesters.

Udo vergisst bei keinem Lied, die Solisten des Orchesters besonders zu würdigen, hier den Gitarristen Oliver Keller und nachträglich auch noch den Saxophonisten Jörg Sandmeier. Udo Jürgens selbst ist auf der Bühne völlig zu Hause, so souverän wie demütig – ein unglaubliches Charisma, das aber nie zum Selbstzweck wird, nie arrogant ankommt, sondern immer unmittelbar ans Publikum geht, von einer persönlichen Herzlichkeit sowie von Charme getragen ist.
Jeder der 10.000 kann sich persönlich angesprochen fühlen. Udo erzählt viel im ersten Teil, er gibt den Liedern großartige Einführungen. Selbst eine Countryschlagernummer wie „Letzte Ausfahrt Richtung Liebe“ wird, ähnlich übrigens „Ich war niemals fort von dir“, zu einer glaubwürdigen kleinen Geschichte, aus dem Alltag gegriffen und doch ganz persönlich erzählt, mit der „einsamen Mundharmonika“ (Mundharmonikasolo: Berthold Matschat).

Dann folgt ein absoluter Konzerthöhepunkt: Udo Jürgens nimmt uns aufs „Narrenschiff“ mit, mit großartigem neuem Instrumentalteil (Flügelhornsolo: Ralf Hesse). „Einfach nur ein Liebeslied“ bietet dazu einen stilleren Kontrast. Das Publikum hört genau zu, und wer mitklatschen möchte, hat nun bei zwei Liedern die Gelegenheit: „Tante Emma“ setzt sich (das Lied ist 33 Jahre alt und weiter aktuell!) für den Laden an der Ecke ein, und „Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff“ wartet mit augenzwinkernden Aktualisierungen zur aktuellen politischen Situation in Deutschland auf. Hier lässt Udo auch erstmals an diesem Abend das Publikum den Refrain mitsingen.
„Das große Lied vor der Pause“ ist diesmal „Die Schwalben fliegen hoch“, auch ganz neu arrangiert. Das Violinsolo spielte Mona Seebohm, und ins Horn blies Mark Gebhart. Nach dem „Narrenschiff“ ist dies der zweite musikalisch absolut herausragende Höhepunkt.

Auch den zweiten Teil eröffnet eine „Einfach ich“ Fanfare. Udo ist swingend zur Stelle mit „Schenk mir noch eine Stunde“, und Billy Kudjoe singt und steppt „Singin´ in the rain“ dazu. Internationales Entertainment auf Weltklasseniveau! Als die Nummer ausklingt, stürmen die Partyfans nach vorne zur Bühnenrampe, viel zu früh. Udo geht sofort darauf ein und spricht über „das Problem der beleidigten ersten Reihen“. Genauso souverän wie für alle nachvollziehbar, aber auch mit ein bisschen „Schmäh“ kaschiert er die Situation, indem er für die nächste Tournee vorschlägt, die ersten Reihen als billigste Plätze zu verkaufen. Das Konzert geht auch friedlich weiter, gleich mit dem nächsten persönlichen Bekenntnis: „Mein größter Wunsch“. Udo will weiter gehört werden, es ist noch lange nicht „Party Time“.

„Völlig vernetzt“ kommt Udo nicht mit den technischen Neuerungen zurecht, das heitert auf, das Altsaxophonsolo dazu spielte Adrian Pflugshaupt. Udo erzählt vom Ehrenoscar für Charlie Chaplin, und wie dessen „Smile“ ihn zu „Nur ein Lächeln“ inspirierte. Es ist mutig und gleichzeitig demütig, die beiden Lieder ineinander zu verflechten. Soulsänger Stevie Woods ist der kongeniale Duopartner bei dieser großen Nummer. Udo empfiehlt eine Steppschule statt Aerobic, er meint, er wolle selbst noch das Steppen erlernen („Ich hab´ ja noch Zeit.“). So wie er sich an diesem Abend auf der Bühne bewegt, hat er es wohl am wenigsten von allen in der Halle notwendig, ein Bewegungstraining zu beginnen.

„Jetzt oder nie“ erinnert an die letzte Tournee, und „Was ist das für ein Land“ geht direkt über in das Bekenntnislied „Ich bin dafür“ – wieder ein Höhepunkt in diesem an Höhepunkten nicht armen Konzert.
Ach was Höhepunkt – jetzt folgt „Ich war noch niemals in New York“ (unglaublich, wie diese Nummer geradezu magisch aufs Publikum wirkt, einen ganz eigenen Zauber entfacht) mit einem furios ausgeweiteten „New York“ Medley zwischen Leonard Bernstein, Downtown, Frank Sinatra und Soul, mit den Gesangssolisten Natascha Wright, Dorothea Lorene, Udo Jürgens und Stevie Woods – weiter also internationales Entertainment auf allerhöchstem Niveau, Weltklasse sondergleichen. Eine musikalische Reise in den „Big Apple“, und doch bleibt der Sänger daheim, geht „durchs Treppenhaus mit Bohnerwachs und Spießigkeit“ zurück zur Ehefrau, „Musikantenstadl“ gucken.

Dann die erste große Abschiedsnummer, „Deinetwegen“ – der berühmte Moment, wo Udo den Konzertblazer schultert und, ganz der große, echte Entertainer, „würdig die Bühne verlässt“: in jedem Konzert mit Orchester ein ganz zentraler Konzertmoment. Zweimal kommt er zurück, beim zweiten Mal stoppt er das Orchester ab und legt los mit dem „Ehrenwerten Haus“ – erst jetzt der erste wirkliche „Smash Hit fürs Volk“ (außer „New York“), aber die Halle kocht natürlich längst vor Begeisterung.
Ist das nun folgende „Einfach ich“ Finale der Schlusspunkt des Abends? Keineswegs!

Es fehlen ja noch die obligaten Partyhits! Udo begnügt sich mit einem kurzen, aber kräftigen Medley: „Aber bitte mit Sahne“, „Griechischer Wein“, „Mit 66 Jahren“. Spät, aber doch können die, die eigentlich nur darauf gewartet haben, selig mitschunkeln und –singen. „Merci Cherie“ kriegen sie aber heute nicht, auch wenn sie diesen Titel alle erwarten, wie man aus vielen Publikumsgesprächen heraushören kann.
Udo will gehört werden, mit anderen Liedern: „Ich laß euch alles da“ – das nächste sehr persönliche Bekenntnis. Abschied vom sensationellen Orchester Pepe Lienhard, und rein ins „Bademantelfinale“!

Udo singt „Mit dir“, ein weiteres neues Lied der CD „Einfach ich“, und er macht damit deutlich, dass er auch ganz allein, ohne Orchester, nur er am Klavier, die Magie des absoluten Ausnahmekünstlers verströmt. (Wer so wie der Schreiber und ein mit ihm befreundetes Ehepaar aus Wien am Vortag noch in Linz bei Konstantin Wecker war, dessen Konzert unvergesslich beseelt mit dem Lied „Einfach wieder Schlendern“ ausklang, staunt innerlich, wie sich der Kreis der beiden Konzerte schließt, wenn Udo Jürgens die Zeilen singt: “Ich stell mir vor, mit dir zu schlendern, denn nur im Schlendern steht die Zeit.“) Kurz spielt Udo noch „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ und „Vielen Dank für die Blumen“ an, dann verabschiedet er sich mit der Mahnung, vorsichtig zu fahren, das Wetter würde ja alle fünf Minuten umschlagen, und wenn man nicht vorsichtig fährt, sieht man sich vielleicht beim nächsten Münchner Konzert im November nicht wieder.


Noch ganz am Ende will Udo Jürgens also gehört werden. Es war ihm an diesem Abend, es ist ihm bei dieser Tournee wichtiger als Party zu machen. Der überwältigende Großteil des Publikums ist ihm auf dieser künstlerischen Reise gerne und mit höchstem Gewinn und mit allergrößter Hochachtung vor diesem souveränen und gleichzeitig der Kunst und dem Publikum gegenüber so wunderbar demütigen Künstler gefolgt.
 

München, 22.02.2009

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