2012 - Tour 2012 - Der ganz normale Wahnsinn

Gedanken zum Auftakt der Tournee  „Der ganz normale Wahnsinn“
Udo Jürgens in Heilbronn am 26.1.2012von Detleff Jones


Es gebe kaum Routine in der Musik, sagt man. Eine gibt es schon: Er ruft, und alle kommen! So zumindest war es bei der ausverkauften Vorpremiere zur neuen Udo Jürgens - Tournee in Heilbronn am 26. Januar 2012. Sie steht unter dem Motto seiner neuen CD „Der ganz normale Wahnsinn“. Über den wird ja nun seit Monaten und Jahren berichtet, und die Schlagzeilen allein des vergangenen Jahres haben uns ja doch so manches Mal den täglichen Wahnsinn vor Augen geführt. Übrigens sagte man mir, die Karten für dieses Konzert seien innerhalb einer Stunde verkauft gewesen – dabei fand eine Werbung so gut wie nicht statt!

Das Titellied taucht erst relativ spät im Konzertprogramm auf, aber es geht ja hier nicht um eine politische Grundsatzrede, sondern um Musik – und um was für eine! Jedes Udo Jürgens – Konzert, das sei einfach mal behauptet,  ist auch immer eine Dokumentation musikalischen Genies, ein hör- und spürbarer Gegenpol zur seichten Darstellung aus der Welt der so genannten U-Musik, die sich in der deutschsprachigen Welt viel zu oft lediglich in Schlagern definiert. Auch bei Udo Jürgens gibt es Schlager, aber nicht nur, und sie sind eben anders als das, was man landläufig darunter versteht – und wenn man tumben Einheitsbrei zum Mitklatschen sucht, ist man hier fehl am Platz! Schon der Blick auf die Bühne und das Equipment lassen auch den ungeübten Blick erstaunen – das hat nichts mehr mit „Band“ zu tun – hier wird ein ausgewachsenes Orchester  spielen – die große Bühne der „Harmonie“ ist quasi gefüllt. Und dann erscheint dieses Ensemble – 23 Musiker, das Orchester Pepe Lienhard, von dem noch zu berichten sein wird.

Eine neue Tournee ist immer auch ein neuer Höhepunkt im musikalischen Leben eines Künstlers. Und vor allem zu Beginn einer Karriere wird sich ein Künstler immer weiter verändern und natürlich auch verbessern. Udo Jürgens ist allerdings schon seit Jahrzehnten von einem Höhepunkt zum nächsten geflogen, und wenn man allein seine Tourneen  der letzten zehn Jahre betrachtet, in denen er (nach offizieller Zählweise) auf 410 Konzerten mehr als 1,7 Millionen (!) Menschen begeisterte, dann fragt man sich, welche Steigerungen da noch möglich sind. Aber darauf kommt es ja schon lange nicht mehr an. Wenn man auf dem Gipfel steht, führt keine Leiter mehr nach oben! Wie ein Diamant, der sich im Licht dreht, blitzen immer wieder andere Facetten auf, und davon gibt es nicht wenige in diesem neuen Tourneeprogramm.

Der Auftakt ist leise, aber dennoch spannungsvoll – Udo Jürgens’ Stimme und sparsam unterlegte Harmonien bereiten den Weg in diesen Abend („Noch 3 Minuten“) und hinein in einen furiosen Swing – Titel („Schenk’ mir einen Traum“), der gleichzeitig als Verneigung vor den nun schon über 50 Jahren seiner Karriere gesehen werden mag, denn im Refrain finden sich Passagen aus einem Lied, das Udo Jürgens vor 44 Jahren geschrieben hat („Ich frage nicht“, Text: Joachim Relin). Und schon ist man mittendrin im Universum des Udo Jürgens - dort, wo es nur so funkelt und blitzt, wo Klänge dich mitnehmen in eine andere Welt, wo Musik dich anrührt, wo Betroffenheit und Euphorie sich die Hand geben, große Gefühle und kleine Alltagsweisheiten – man taucht ein in eine Welt der Fantasie, und wenn man loslassen und sich ihr hingeben kann, ist das Erleben vollkommen.
Die Welt der Klänge wird ergänzt durch Bilder und Filme, die synchron auf eine riesige Videoleinwand projiziert werden, und so kommt zum Text, der von der Melodie transportiert wird (oder ist es umgekehrt?) noch das Bild, wodurch manche Lieder erheblich intensiviert und noch bewusster erlebt werden. Dass dies nur mit einem Klangkörper der absoluten Spitzenklasse möglich ist, versteht sich von selbst. Mit dem Orchester Pepe Lienhard steht Udo Jürgens allerdings eine musikalische Formation von sage und schreibe 23 Musikern zur Seite, die ihresgleichen sucht. Man kann sie getrost zu den besten ihrer Art weltweit zählen. Jeden einzelnen müsste man hervorheben – doch stellvertretend seien nur zwei erwähnt: der Franzose Francis Coletta (Gitarre), Dozent für klassische Gitarre am Konservatorium Fribourg und an der Jazz Schule Bern und nicht zuletzt die junge Violinistin Asya Sorshneva aus Moskau, mehrfache Preisträgerin und hochgerühmte Virtuosin. Es ist schon ein Erlebnis der besonderen Art, wenn sie zu einem Solo ansetzt, das sie beinahe physisch darstellt, sie wird eins mit den Tönen, Darbietung und Klangerlebnis verschmelzen gleichsam mit der Künstlerin. Es trieb mir die Tränen in die Augen, und ich war mit meinen Gefühlen nicht allein!

Mit „The Voices“ gibt es bei dieser Tournee einen vierköpfigen Chor im Orchester, der sich besonders auf jazzige Variationen versteht. Vor Jahr und Tag – das weiß jeder Udo – Fan, war Udo auch als Jazzpianist unterwegs, und da war es ihm offenbar ein Anliegen, einen Ausflug in diese Musikform zu unternehmen, zumal er mit einem seiner Lieblingslieder (Frank Sinatra’s „Fly with me“) eine Verschmelzung mit seinem eigenen Lied „Flieg mit mir“ unternehmen konnte.  

Ein Konzert dieser Güte bewegt sich in einem musikalischen Randbereich. Dies mag spätestens bei einem Chanson wie „Glut und Eis“ auffallen (ein erster Höhepunkt!) und wird dann offensichtlich, wenn gegen Ende des ersten Teiles – eine Hommage an die Fernsehverfilmung von Udo Jürgens’ Familien Saga „Der Mann mit dem Fagott“ – Ausschnitte dieses Films einem Medley aus der Filmmusik unterlegt werden. Dann nämlich bewegt sich die Musik schon längst auf einer symphonischen Ebene, und E- und U-Musik scheinen nicht nur zu verschmelzen, sondern sie tanzen miteinander! Das ist umso faszinierender, als die Bilder im Hintergrund dem Leid einer ganzen Generation ein Happy End, oder besser gesagt: Hoffnung gegenüberstellt. Und dabei gibt es einen Punkt, an dem der Film in die Realität zu springen scheint, dann nämlich, als in kurzen Ausrissen Schlüsselszenen aus dem Leben des Udo Jürgen Bockelmann zu sehen sind, die in die Realität des hier an seinem Flügel sitzenden Künstlers Udo Jürgens führen - zu dem Mann, der in seiner Musik zum Ausdruck bringen möchte, was wir da mit eigenen Augen sehen. Dies erfüllt einen sehr hohen Anspruch, alle Sinne werden gefordert und in Bann gezogen, und es erfordert hohe Konzentration auch von Seiten des Publikums, um diese enorme Bandbreite des Gebotenen zu erfassen. Denn gleichzeitig erleben wir ja ein in dieser Familiensaga verdichtetes Stück Zeitgeschichte, einen Kreis, der sich zu einem glücklichen Ende schließt.

Zu Beginn des zweiten Teils erklingen dann Lieder, die so zeitlos sind, wie es der Künstler selbst zu sein scheint, und sie gipfeln gleichsam in einer Hymne an die Liebe, die er als einzig wirksames Gegenmittel zum Hass erklärt („Liebe lebt“),  mit einem wundervollen Text (Wolfgang Hofer) und einer Melodie, die niemanden unberührt lassen kann – wahrhaft ein Lied, das in jedes Herz trifft! Und um nicht in einer Stimmung zu schwelgen – um nicht dem Verdacht der Gefühlsduselei zu erliegen, kommt sofort darauf eine richtig harte Rock – Nummer. Jeder Zweifler, der ihn als Süßholzraspler verkennt, wird hier eines Besseren belehrt („Alles ist so easy“) – ein Lied, das sich vordergründig mit der Verflachung der Sprache auseinandersetzt und ihren massenhaften Anglizismen, deren wir uns oft genug gar nicht mehr bewusst sind. Dahinter allerdings wird auch der Werteverfall in unserer Gesellschaft angeprangert („alles ist so easy – alles ist so seicht“). Zu diesem intelligenten und witzigen Text von Rainer Thielmann und Udo Jürgens hat der Komponist eine harte Rocknummer komponiert. Folgerichtig hält es die Fans nun nicht mehr auf ihren Stühlen  - der Run auf den Bühnenrand geht los, und nun kommen auch die alten Gassenhauer, die Lieder zum Mitsingen und Mitklatschen, die Party steigt, die Halle bebt, und es findet statt, was gewöhnlich in den Medien die stärkste Resonanz erfährt.

Eigentlich kommt ja vor der Kür die Pflicht. Doch bei Udo Jürgens gibt es keine Zwänge dieser Art! Vom künstlerischen Standpunkt aus gesehen, ist dies der Pflichtteil, denn natürlich will auch das eingefleischte Publikum nicht auf die Medleys aus den zahllosen Erfolgsliedern verzichten. Doch die eigentliche Kür hat da schon stattgefunden -  das waren und sind die stilleren, die stimmungsvollen Lieder,  ja – die Chansons, die musikalischen Denkanstöße, die symphonischen Werke oder wie immer man sie nennen mag. Passend zum Ende des Konzertes blitzt es dann noch einmal auf, als das neue Lied „Am Ufer“ (Text von Uli Heuel) erklingt – ein Lied, das in eine andere Zeit zu führen scheint mit einer lichtdurchfluteten Endzeitstimmung.

Ein fast 3stündiges Konzert ist in der Branche sicherlich die Ausnahme. Und wenn man sich das Repertoire des Udo Jürgens einmal ansieht, wird einem klar, dass daraus jederzeit fast beliebig viele Konzerte dieser Art geschmiedet werden könnten! Denn die meisten seiner um die tausend Lieder sind zeitlos, schielen nicht auf Modeerscheinungen in der Musik oder der Gesellschaft – daher sind sie klassisch und auch heute noch aktuell. Man suche nur einmal den Vergleich zu anderen deutschsprachigen Produktionen aus den 60ern oder 70ern, um den Unterschied zu erkennen! Das aktuelle Konzert ist anders als alle, die ich zuvor erlebt habe. Und spätestens dann, wenn mich ein musikalisches Erlebnis noch nach Tagen beschäftigt, weiß ich, dass dies etwas Großes ist. Es beschäftigt mich noch heute.

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