Udo Jürgens und der ganz normale Wahnsinn – »was alles da so läuft …
24 März 2011

… man glaubt es nicht!«

Wer konnte das ahnen? Wer hat damit gerechnet – in dieser Dimension?
Der ganz normale Wahnsinn – von einem so unfassbar größeren aus dem Blätterwald gefegt. 1986, einige Monate nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, sang Udo Jürgens leise „Guten Morgen, mein Liebes, guten Morgen, mein Kind. Welch ein strahlender Tag, doch wohin weht der Wind? Fängt der heutige Tag wie der gestrige an? Sag mir, schläft das Feuer ewig in einem Vulkan?“ 13 Jahre später im Titel „Die Krone der Schöpfung” deutlicher: „Atomexplosion – was heißt das schon? Feuer einbetonier’n!“ Und nun? Datenklau, Waffenhandel, Schalke? Was macht der falsche Käse auf der Pizza? Der ganz normale Wahnsinn geht weiter. Udo besingt ihn nun.
Dennoch. Trotz alledem. Jetzt erst recht.

Vieles von dem, was Udo Jürgens in den vergangenen 50 Jahren abgeliefert hat, ist Teil der Musikgeschichte geworden. Zeitloses über die Liebe, Zweisamkeit, Einsamkeit. Lieder vom Sehnen und Hoffen, und vom Mut, den eigenen Weg zu gehen – geradeaus. Interpretiert von Shirley Bassey, Matt Monroe, Sammy Davis Jr., Bing Crosby u.v.a. Auch immer wieder Aktuelles und Streitbares, wie 1988 in „Gehet hin und vermehret Euch“. Klarer Angesang gegen die Haltung der katholischen Kirche in Sachen Empfängnisverhütung und Weltüberbevölkerung. Es folgten Strafanzeigen, Morddrohungen, Sendeverbot.

„Aber bitte mit Sahne“, „Ein ehrenwertes Haus… Evergreens, haltbarer als es der gebürtige Österreicher mit festem Wohnsitz in der Schweiz wohl selbst für möglich gehalten hätte. Unkaputtbar: „Ich war noch niemals in New York“ – Hymne der Sehnsüchtigen – inzwischen Titel des Erfolgsmusicals mit Liedern von Udo Jürgens. 1972 sang er Wakare no asa, die japanische Fassung seines Hits Was ich dir sagen will“, und landete damit auf Platz 1 der dortigen Charts. Ein Jahr später: große Japan Tournee. Gedanken an damals – Bilder von heute. Wahnsinn.

„Der ganz normale Wahnsinn“

Musik im Heute. Dokument unserer Zeit. Eine musikalische Blaupause unserer Welt. Essenz der ersten Jahre des dritten Jahrtausends. Udo 2011 ist der gehaltvollste seit Jahren. Symphonisch, poetisch, modern bis kühn in Text und Komposition. Eingespielt mit echten Musikern, großen Orchestern. Udo Jürgens hat die Konserve zugelassen und präsentiert Handgemachtes.
Es ist angerichtet:

Indes Wissenschaftler glauben, das Geheimnis der Liebe ergründet zu haben, singt Jürgens „niemand wird es je erfahren, warum sie geht, warum sie bleibt“. Gefühl zulassen – „Liebe lebt“. Was kümmern uns da Formeln?
„Du bist durchschaut“ – kein Liebeslied, sondern Udos Statement zum Überwachungswahn. Das hat uns gerade noch gefehlt. Ganz recht! Bevor Volksmusikanten das Halali zur Jagd auf Vorratsdatenspeicherer blasen, überlassen wir Udo Jürgens lieber die Rolle des ironischen Analytikers, der kaum mehr und keineswegs weniger tut, als seine Sicht hinauszusingen – verflucht nah an der Wahrheit. „Auf den Straßen Kameras, man sieht in uns rein – als wär’n wir aus Glas“ und „ganz offenherzig twitterst du, gibst alles von dir Preis, den größten Mist – den kleinsten Scheiß.“ Spitzeleien in der Hose-runter-Gesellschaft. Fazit:  „Wenn du mich fragst: geschieht uns recht, wir machen ja alles mit. Sogar zum Auto finden wir nur noch per Satellit.“

„Die Frau, die ich nie traf“ singt der Schwarm so vieler Frauen – und ungezählter Männer – und macht zumindest der Damenwelt Hoffnung:
„Ich weiß, dass es sie gibt, wär’n wir uns je begegnet, wir hätten uns ewig geliebt.“
Man sagt, er sei grad Single. Dann ran an den neuen Udo!

Udo und die Frauen. Gerüchte und Legendenbildung. Einem Mann kann Schlimmeres passieren. Träumen darf man eh. Von einer Nacht, wenigstens einer Nacht mit dem Troubadour, der am Flügel so ehrlich und einfühlsam tiriliert, der in jedem Konzert jede Textzeile durchlebt als hätte er sie gelebt. Träume. 2012 gibt es den Barden mit der Bademantelzugabe wenigstens wieder abendweise – auf Tournee. Udo ist für alle da. Auch noch mit 76. Dann 77. Wahnsinn? Zumindest Symptom einer gewissen Besessenheit. Heesters, 30 Jahre älter, steht noch immer auf der Bühne. Udo 2041? Man wird sehen.

„Erzähl mir nicht, wie’s wirklich ist, weil mich das traurig macht, schenk mir einen Traum…“ bittet Udo in Track 9. Track? Stück, Lied! Siehe Nummer 7: „Alles ist so easy“, wider den Anglizismenwahn: „Wir gestalten nicht – wir stylen, wir lächeln nicht, wir smilen“.

Und wie singt er noch gleich im Titelsong? „Was alles da so läuft, man glaubt es nicht!“ Was Udo Jürgens alles da so singt, man glaubt es kaum. Er singt es. Und höre, es ist gut!

Matthias Schumacher - www.matthias-schumacher.com

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