KEINER KANN LIEDER SO „ERZÄHLEN“ WIE ER
30 September 2010

Überraschend milde Spätsommerabende im herrlichen Ambiente des Römersteinbruchs. Eine Großbildleinwand ermöglicht auch den weiter hinten sitzenden Besuchern, Udo aus der Nähe zu sehen.

Udo Jürgens ganz allein am Klavier, nur er und sein Lied „Wir zwei“ – von ferne sieht er aus wie immer, hochgewachsen und schlank, alterslos charismatisch. Die Stimme allerdings wirkt brüchig, es ist wie ein Herantasten an die Stimmung, die Atmosphäre des Abends, ein vorsichtiges Beschwören einer Zweisamkeit, die früher mal intensiver war und jetzt Auffrischung ersehnt. Udo präludiert direkt in die „Wellenbewegung“ des nächsten Liedes, das Publikum nur kurz begrüßend und sofort musikalisch den Dialog eines entfremdeten Ehepaars einfangend – „Hast du heute schon gelebt?“ Udo will, dass ihm zugehört wird. Er fordert mit dieser Eröffnung Aufmerksamkeit. Wäre er „Mit 75 Jahren“ aufgetreten, hätte er die Lust auf oberflächliche Musikpartystimmung bedient – nein, Udo Jürgens möchte erreichen, dass die Menschen über die Liedinhalte nachdenken. Das Solokonzert bietet ihm noch mehr Raum zur Rubato-Intensivierung der Musik, zum Erzählduktus der Lieder. Er weiß sehr wohl seine Entertainerqualitäten mit aufmunternden Liedern auszukosten, etwa gleich mit „Alles was gut tut“, aber wichtiger ist ihm, dem Inhalt der Lieder zu folgen, den Themen nachzuspüren. „Donnerstag“ poetisiert musikalisch wie textlich das Bekenntnis zum  Seitensprung (Udo: „Ein unmoralisches Lied!“), und die Schlussworte des Liedes mutieren zur Kernzeile des unmittelbar anschließenden: „Wer schuldlos ist, der werfe den ersten Stein“. Das nächste „unmoralische Lied“ kommt beim Publikum sehr gut an, es handelt vom „Weichei“, welches als Mann mit Marotten die Frau offenbar so sehr vom eigentlich wichtigen Liebesleben ablenkt, dass Udo der Frau empfiehlt, diesen Mann rauszuschmeißen. Wolfgang Hofer hat für Udo witzige Männercharakterisierungen getextet, die dem Publikum nur zu gern (wohl vielfach sich selbst ertappt fühlendes) Schmunzeln entlocken. Hardcorefans werfen Udo vor, Lieder wie diese bräuchte es nicht. Zur Auflockerung eignen sie sich aber allemal brillant. Man sollte ohnedies sofort wieder vertieft zuhören. „Ist das nichts?“ ruft die unzufriedene Jugend zur Dankbarkeit auf, ein sehr sensibler Liedtext von Irma Holder aus dem Jahr 1979, der Udo zu einem großen Lied inspiriert hat. Um die Intensität der Lieder  doch kräftiger herausstellen zu können, ist auch diesmal wieder der französische Gitarrist Francis Coletta dabei (zunächst bis zur Pause), der sich nun mit einem E-Gitarrensolo einführt. Mit ihm zusammen lässt sich das an sich orchestral gewohnte Lied zum Thema Überbevölkerung „Gehet hin und vermehret euch“ auch in einer Duoversion hören. Es ist Udo wichtig genug, auch in diesem Programm gehört zu werden. Udo passiert in der letzten Strophe ein Texthänger, der den Inhalt etwas verstümmelt. So ist er eben, der Udo, auch diesbezüglich immer für Überraschungen gut. „Vielen Dank für die Blumen“ lockert wieder auf, und „Ein ehrenwertes Haus“ bedient die Fans, die auf die Hits warten, genauso. Vor der Pause betont Udo dann aber „Was wichtig ist“, und er kostet den Übertragungseffekt vom „Das bist du“ zum etwas anbiedernden, aber so wie er es bringt trotzdem glaubwürdigen „Das seid ihr“ als Verbeugung vor dem Publikum voll aus.

Am stärksten wirkt er an diesem ersten Abend, wenn er seine Lieder „erzählt“. Die marginalen Textunsicherheiten (bei „Donnerstag“ etwa der sofort korrigierte zu frühe Einsatz der 3. Strophe) stören wohl nur diejenigen, die die Lieder ganz genau kennen.

Den zweiten Teil beginnt Udo wieder solo, charmant mit „Ladies und Gentlemen“ und zum Blick auf die Gegenwart, nicht in die Zukunft auffordernd, mit „Stärker als wir“. Ganz wichtig ist ihm „Der gekaufte Drachen“, dieses Lied „lebt“ er immer wieder total, es ist der zweite Irma Holder Text des Konzerts, die Geschichte des Sohnes, der vom Vater wahrgenommen werden will statt nur materiell versorgt. Das Szenische dieses Liedes macht Udo beängstigend lebendig. Ab nun ist wieder Francis Coletta dabei. Das neue Lied „Der ganz normale Wahnsinn“ fängt die chaotische Vielfalt der Gegenwart ähnlich wie „In Lüneburg war Volksfest“ ein – mit einem ohrwurmstarken Refrain. Den versucht Udo sofort mit einem Da capo zu intensivieren. Das Publikum lässt sich gerne darauf ein. Viele warten ja auf die Chance zum Mitsingen und Mitklatschen. „Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient“ – diese Aussage ist Udo aber wieder wichtiger. Und die Dritte Welt kommt auch nicht zu kurz, mit Francis Coletta und vor allem mit Billy Kudjoe Todzo (Gesang und Percussion, ab jetzt auch dabei) versucht Udo mit „Der Schrei des Löwen“, das Feingefühl für die Völkerverständigung zu schärfen. „Was ich dir sagen will“ wirkt danach, um die Instrumentalwiederholungen der Strophen gekürzt, trotz der dreisprachigen Fassung wie ein Intermezzo. Als Udo „Ich war noch niemals in New York“ anspielt, laufen die Partyfans nach vorne. Natürlich wird diese Nummer zum großen Hit des Konzerts. Aber auch hier und erst recht im danach folgenden „Tausend Jahre sind ein Tag“ möchte Udo gehört werden, nicht nur Party machen bzw. berieseln.

„Tausend Jahre sind ein Tag“ scheint der würdige Abschluss vor den zu erwartenden Zugaben zu sein, doch Udo kommt noch einmal ohne die beiden Mitmusiker heraus, und er bekennt sich zum Jungsein im Alter: „An meinem 75. wurde ich zum dritten Mal 25!“ Dann große Lieder, eins ins andere: „Ich weiß, was ich will“ und vor allem „Bis ans Ende meiner Lieder“. (Mit „Stärker als wir“ und „Bis ans Ende meiner Lieder“ hat Udo, was Lieder aus dem neuen Jahrtausend betrifft, die wohl aussagekräftigsten und inspiriertesten ausgewählt.) Und – für die Hitfans endlich – das Medley mit „Aber bitte mit Sahne“, „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ und „Liebe ohne Leiden“. Im Bademantel legt Udo noch solo „Immer wieder geht die Sonne auf“, „Mit 66 Jahren“ und „Merci Cherie“ nach.

Wäre es ein sportliches Spiel gewesen, könnte man das erste Konzert resümieren: Nach verhaltenem Beginn steigerte sich der Künstler schlussendlich zu großer Form.

Beim zweiten Konzert, dem Tourneefinale, zeigt Udo ungleich mehr „Schmäh“, wirkt weniger distanziert, kokettiert – ganz großer, souveräner, charmanter Entertainer – gekonnt mit dem Publikum, leistet sich andere Texthoppalas (diesmal etwa beim „Ehrenwerten Haus“, was soll´s), bleibt im Programmablauf gleich wie am Vortag, wirkt aber noch stärker und intensiver, ein wirklich würdig alternder großer Entertainer, und er kommt schon zum „Medley mit Band“ („“Aber bitte mit Sahne“, „Siebzehn Jahr, blondes Haar“, diesmal auch „Griechischer Wein“ sowie „Liebe ohne Leiden“) im Bademantel wieder auf die Bühne. Er dankt den Helfern hinter den Kulissen und Veranstaltern und freut sich schon (wie er betont) auf den burgenländischen Wein, dann singt er noch solo „Merci Cherie“ an, auch „Warum nur warum“ (allerdings eine Harmonie nicht findend und gehörig disharmonisch „anstoßend“, sich dann aber charmant in sein „…hab ich so viele Lieder geschrieben, dass ich heute nicht alle spielen kann“ hinüberrettend) und am Ende „Jenny“.

Wer weiß, ob und wann Udo wieder hierher, in den Römersteinbruch, kommt. Er ist ein würdig alternder Entertainer geworden, der mit seinen Liedern nicht nur unterhalten möchte, sondern vor allem auch gehört werden will. Und keiner kann seine Lieder so „erzählen“ wie er.

Alexander Kinsky

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