„Jetzt oder nie“ – Udo Jürgens auf Tournee - von Detleff Jones
28 Januar 2006

Knapp vorbei ist auch daneben: DPA berichtete vom Tourneestart des Schlagersängers Udo Jürgens zu seiner 40. Tournee – das eine ist so falsch wie das andere! Die 40. Tournee wird selbst ein Lebenskünstler wie der 71jährige Österreicher in weiser Voraussicht nicht ernsthaft planen, und der Schreiber dieser Zeilen würde sie wohl auch nicht mehr mitbekommen. Nein – es ist die 20. Tour, die vor wenigen Tagen in Köln gestartet ist, und Udo Jürgens ist eben kein Schlagersänger. Aber in den deutschen Medien ist offenbar alles, was deutschsprachig gesungen wird und nicht unter Rock and Roll eingeordnet werden kann, ein Schlager – erstaunlich in der sonst so facetten- wir nuancenreichen Sprache der Dichter und Denker! Wie auch immer - es tut gut, wenn uns bei den vielen schlechten Nachrichten des Alltags ein positives Ereignis begegnet – und diese Konzertreise ist unbedingt unter „positiv“ und „sehens-, bzw. hörenswert“ einzuordnen! Was ist nicht alles über diesen Udo Jürgens geschrieben worden in den vergangenen Wochen - von angeblichen Skandalen war die Rede, verdrehte Zitate machten die Runde, und von böswilliger Häme bis zu Verleumdungen wurde kaum etwas ausgelassen, so daß sich mittlerweile die Anwaltskanzleien nicht über Arbeitsmangel beklagen können.Darüber wurde fast vergessen, über wen da eigentlich geschrieben wurde. Immerhin ist Udo Jürgens einer der erfolgreichsten Musiker unserer Tage – und das schon seit mehr als unglaublichen 50 Jahren. Dieser Erfolg kommt nicht von ungefähr: Seine Lieder wandelten sich - ohne sich anzupassen. Und sie sind heute immer noch so aktuell, wie sie es schon vor Jahrzehnten waren. Und in all diesen Jahren erfüllten sie immer – mit kaum nennenswerten Ausnahmen – Qualitätskriterien, die von kaum einem anderen Musiker der leichten Muse erreicht wurden. Thomas Gottschalk nannte ihn einmal das „Feigenblatt der deutschen  Unterhaltungsmusik“, und das war wohl so falsch nicht. Nun ist Udo Jürgens mit seinen 71 Jahren also wieder auf großer Tournee durch Deutschland und die deutschsprachigen Nachbarländer. Da mag man sich – auch als eingefleischter Fan - vielleicht sagen, das hat man doch sowieso alles schon gesehen und gehört, da braucht man nicht wieder hinzugehen. Was so schade wie falsch wäre, denn diese Tournee hält einiges an musikalischen Leckerbissen und Überraschungen bereit, wie sie zuvor noch nie live gespielt wurden, Lieder aus der überbordenden Schatztruhe von wer weiß schon wie vielen Liedern (sind es 600 oder 900?), die Udo Jürgens in den vergangenen Jahrzehnten geschrieben hat. Schon das Opening ist ganz einfach hinreißend, und man mag kaum glauben, daß hiernach noch eine Steigerung möglich sein kann. Doch die Qualität liegt nicht in Showeffekten – eher ist es das Gegenteil, das dieses Konzert zu einem musikalischen Erlebnis macht. Auf Show wird zunehmend verzichtet, der musikalische Ablauf ist eher sachlich; dazu trägt auch der Verzicht auf den altbekannten Schimmel – Glasflügel zugunsten eines 2,80 langen schwarzen Konzertflügels bei. Man hat sich offenbar der Qualität der Musik besonnen, die eigentlich keine unnötigen Effekte benötigt. Das gesamte Konzert ist dadurch erwachsen geworden. Im Mittelpunkt stehen einzig und allein die Lieder dieses Udo Jürgens. Und die bringt er so überzeugend und überragend, wie nur er es kann. Geschichten werden erzählt, die jeden angehen oder anrühren.

Spießigkeit, die einen GroßTeil unseres täglichen Lebens ausmacht, wird ebenso angeprangert wie der Mangel an Zeit, die Eltern mit ihren Kindern verbringen. Mit Kritik an unkritisierter Biederkeit wird nicht gespart und natürlich kommt auch die Liebe – zentrales Thema im Leben wohl eines jeden Musikers – nicht zu kurz. Dabei kommt die Musik bei kritischen Liedern völlig ohne die säuerlichen Vertonungen vergangener sogenannter Liedermacher daher. Sie ist zeitnah oder eben zeitlos. Das liegt an zwei Faktoren, die ein jedes Lied ausmachen: Zum einen sind da die hervorragenden Texte, die nicht nur von ihren Inhalten, sondern auch von der Schönheit der Sprache leben, ohne  schwülstig zu werden - ein Verdienst so berufener Dichter wie Wolfgang Hofer und Michael Kunze - um nur zwei zu nennen. Man kann solche Texte lesen wie Prosa – kaum zu glauben, denn man sagt doch immer wieder, das seien Schlager! Sind sie aber eben nicht, denn ein Schlager funktioniert nicht nur eine Nuance anders: Zum einen verniedlichen Schlager – sie sind Weichzeichner, beschwören oder beschreiben eine heile Welt und sind einfache Seelentröster, die Lösungen in alltäglichen Problemen suggerieren – ähnlich der Werbung. Und die Texte werden von mehr oder weniger eingängigen, nicht allzu anspruchsvollen Melodien unterlegt (Ausnahmen bestätigen die Regel!), die aber dennoch immer wieder recht uniform klingen. Und es darf behauptet werden, daß man sich in 30 Jahren mit ähnlicher Fassungslosigkeit an den ein oder anderen – heute erfolgreichen – Schlager erinnern wird wie heute, wenn man etwa ein Lied hört wie „Blue Nights“, gesungen von einem gewissen Ted Herold, der damit 1960 einen Nr. 1 Hit in Deutschland hatte! Natürlich hat auch Udo Jürgens im Laufe seiner jahrzehntelangen Karriere eine ganze Reihe Schlager gesungen. Doch seine größten Erfolge waren Lieder, die entweder satirisch waren oder sozialkritisch. Seine Lieder prangern an, beschreiben Situationen, ohne unbedingt eine Lösung parat zu haben. Sie erfassen und beschreiben Szenen, und das tun sie mit großer Sensibilität, so daß der Hörer sich unmittelbar angesprochen und betroffen fühlt. Auch sind die Melodien durchaus anspruchsvoller und nicht zwanghaft dem Zeitgeist angepasst, und sie haben einen hohen Wiedererkennungsfaktor. Auf dieser Tournee erklingen auch alte Lieder in neuem, frischem Sound. So wurde etwa „Leute“ zu neuem Leben erweckt, ein Lied, das 1971 erschienen ist und längst in Vergessenheit versunken war. Es wurde verwebt mit dem hinlänglich bekannten „Ehrenwerten Haus“ – auch schon 32 Jahre alt – und dadurch entstand sozusagen ein Doppellied, das heute geschrieben worden sein könnte: sowohl vom Text als auch von der Musik völlig zeitlos. Oder „Das wünsch’ ich dir“, ein Lied, von dem man es zu allerletzt erwartet hätte – es groovt in seinem neuen Arrangement so fetzig wie in den 60ern, ein unglaublicher Drive treibt es voran. Und die neue Kleidung steht diesem Lied, das in der Originalversion von 1982 eher bedächtig daherkam, ungemein gut.Was die Rezeptur des Udo - Jürgens - Repertoires von herkömmlichen Schlagern abhebt, hört sich vielleicht ziemlich einfach an, aber wenn man einen Blick auf das deutschsprachige Angebot solcher Musik wirft, wird einem schnell klar, daß dies eine große Kunst zu sein scheint, die nur von wenigen beherrscht wird. Und es kann getrost behauptet werden, daß niemand so professionell auftritt, wie Udo Jürgens, der hierin bestens unterstützt wird von der Pepe Lienhard Band, mit der er seit nun schon fast 30 Jahren zusammenarbeitet. Schon allein diese lange Zeit trägt mit zur Qualität des Gebotenen bei:

Das Verständnis zwischen Sänger und Orchester ist zu jeder Zeit ganz einfach optimal. Und der Klangkörper dieser Band zählt zum Besten, was man heute live erleben kann – weltweit. Die Arrangements sind seit 6 Jahren deutlich blechlastiger geworden – ein Verdienst des Arrangeurs und Trompeters Thorsten Maas, der einige Passagen geschrieben hat, die als extrem schwierig anzusehen sind – doch das sitzt alles traumwandlerisch sicher, Stakkati von hoher Virtuosität kommen ebenso sauber wie äußerst gefühlvolle Balladen – Arrangements. Maas selber spielt den sehr gefühlvollen Gegenpart in „Auch kleine Steine ziehen große Kreise“ auf dem Flügelhorn. Wer hätte gedacht, daß eine Ballade vordergründig nur mit Klavier und einem Horn auskommen könnte!Wer sich mit 71 noch Tourneestrapazen aussetzt, den erwarten die Kritiker vielleicht mit besonders gut gespitztem Stift – hält die Stimme, wie viele Textaussetzer gibt es, wirkt der Mann überhaupt noch frisch – in allen Kategorien erreicht der Kandidat die volle Punktzahl, und zwar mühelos. Das ist immerhin nicht selbstverständlich, denn auch die besten Gene können irgendwann nicht mehr die Jahre, in die jeder einmal kommt, kaschieren. Doch im Falle Udo Jürgens muß man offenbar andere Maßstäbe anlegen, denn er wirkt so frisch und ausgeruht wie eh und je. Und daß die ein oder andere Tanzeinlage heute fehlt, ist offenbar weniger eine Konzession an das Alter des Künstlers, sondern eher einem Wandel zu einem neuen Stil seines Konzertes zuzuschreiben. Was aber am wichtigsten ist: Die Stimme ist heute so klar und kraftvoll wie vor 20 Jahren. Wenn es eine Veränderung gibt, dann eher zum Positiven, denn er wirkt noch einen Hauch reifer und wirkungsvoller, und immer ist die Stimme äußerst präsent.

Schon auf der Solo – Tournee im letzten Sommer, als U.J. allein – nur er und sein Flügel – open air durch Deutschland tourte, war zu hören, wie intensiv seine Lieder daherkamen. Nun – mit orchestraler Untermalung – hat die Intensität in keiner Weise gelitten, sie wird eher noch stärker. Was auf der einen Seite an Intimität, die der Künstler in der Zweisamkeit mit seinem Instrument vermittelt, verloren geht, wird andererseits durch einen Klangteppich aufgewogen, der alle Facetten der Wahrnehmung berührt - von sanftem Dahinschweben bis zum aufpeitschenden Crescendo. Der Angriff auf die innersten Gefühle findet ebenso garantiert statt wie wippende Fußspitzen – nur eines ist unmöglich: Bewegungslosigkeit oder Gleichgültigkeit. Wenn dies auch nur eine kurzweilige Entführung aus dem Alltag ist – wohl tut sie allemal, und wann hat man schon die Gelegenheit, sich in der Welt der Musik einfach fallen zu lassen. Das ist perfektes Entertainment auf allerhöchstem Niveau. Jetzt oder nie: unbedingt hingehen – wann denn sonst!

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