Gedanken zur TOURNEE „EINFACH ICH“ 2009 von Detleff Jones
24 Februar 2009

Das erste Konzert der neuen Tournee – heute abend, zum ersten Mal vor Publikum, nach über Hunderten von  Konzerten doch wieder zum ersten Mal - Herzklopfen! Jedes Konzert ist neu, jedes hat seine eigene Dramatik, das Publikum ist immer wieder anders und will immer wieder neu erobert werden! Jeden Abend also höchste Konzentration, die Routine besiegen, denn sie tötet die Überzeugungsfähigkeit, und auch im zwanzigsten Konzert soll es ja so klingen, als sei es spontan. Ehrlich ist es auf jeden Fall – ehrlich und authentisch, und das spürt jeder im Publikum. Doch kommen wir zur Musik!

Wer einen spektakulären Auftakt erwartet hatte, ein Opening mit Knalleffekt sozusagen wie bei der letzten Tournee vor 3 Jahren, der reibt sich erst einmal Augen und Ohren, denn das Orchester Pepe Lienhard betritt - in dezentes Schwarz gekleidet - die Bühne, und schon geht es los: eine Ouvertüre, die an die 20 Lieder  umfasst, und man muss schon genau hinhören, um sie alle zu erkennen, denn oft sind es nicht einmal ein, zwei Takte für ein Lied. Und doch dauert diese Einstimmung auf das Abendprogramm gute 15 Minuten – das ist enorm, wenn man bedenkt, dass ein Lied in aller Regel an die 3 ½ Minuten dauert! Und es gibt natürlich auch schon einen Ausblick auf den Abend, denn dies ist beileibe kein normales Popkonzert und schon gar kein bunter Schlager – Abend! Dann: gleißendes Scheinwerferlicht auf das Publikum, schon sitzt er an seinem Flügel, und es fallen die ersten Töne wie Tropfen aus dem Dunkel, seine Stimme schwebt durch die Halle, der Raum erfüllt sich mit Zauber, und alle erliegen sie der Magie – Udo ist wieder da!

Seine Stimme ist kraftvoll und enorm ausdruckstark, keine Zeichen von Nervosität oder Unsicherheit, und es sei vorweggenommen: Auch 3 Stunden später gibt es keine Schwächen zu vermelden – weder bei Udo Jürgens, noch beim grandiosen Orchester Pepe Lienhard.

Vor einer Tournee gibt es ja immer die Frage, wie man anfangen soll, wie soll das Programm aussehen – das wird ja nicht nur in Foren und unter den Fans heiß diskutiert (hier werden ja auch schon mal die ein oder andere Empfehlung über die Liederfolge abgegeben!), sondern das ist jedes Mal die große Frage bei den Verantwortlichen. Aber nur der Urheber zeichnet hier verantwortlich – Udo! Und besser als bei der letzten oder vorletzten Tournee – ach was sage ich da – besser als bei eigentlich allen letzten Tourneen kann man es sowieso nicht machen! Spontan fällt mir der Überraschungseffekt ein bei der Tournee „Masken“ – oder das grandiose opening bei der Tournee „Es lebe das Laster“ oder als – nach Jahren der krachenden Erfolge zum Auftakt erstmals ganz leise und besinnliche Töne den Anfang machten! Es bleibt eigentlich nur die Möglichkeit, das Werk des Komponisten und Entertainers Udo Jürgens in anderen, neuen Facetten zu präsentieren, und dies habe ich so erlebt bei der neuen Tournee „Einfach ich“. Eigentlich bleibt alles beim alten, und doch ist alles neu: neue Arrangements, eine andere Dramaturgie, und bei der Auswahl der Lieder hat es nun einmal kein anderer Künstler so schwer wie UJ - denn er hat die Qual der Wahl aus ca. 1000 Liedern – gerade habe ich noch mal nachgezählt, ob ich auch wirklich 3 Nullen geschrieben habe! Das ist unglaublich, denn auch bei dieser Unzahl an Liedern fallen mir spontan nur herzlich wenige ein, die es einem nicht übel nehmen, wenn man sie vergessen hat. Und die liegen auch schon einige Jahre zurück.

UJ erzählt Geschichten – solche, die jedermann erleben kann oder erlebt hat, er beschreibt Situationen, ohne ihnen zwingend ein Happy End mitzugeben. Er bleibt in der Realität, in dernun einmal der Himmel nicht immer blau ist oder die Liebe frei von Schatten. Es sind vielmehr die Inkongruenzen im Leben, die ihn mehr interessieren, und sie machen auch einen großen Teil seines Werkes aus. Und es ist ja auch so, dass aus Zweifeln, aus Ungewissheit, ja – selbst aus Schmerz oder Leid oft mehr Kreativität erwächst als aus dem Zustand zweifelsfreier Unbekümmertheit. Das ist in der Literatur und Malerei so, und in der Musik ist es nicht anders. Kraft kommt insofern auch aus dem Umgang mit seinen eigenen Zweifeln, sie kommt aus dem Erlebten und der Auseinandersetzung mit der eigenen Ungewissheit.

Wie eine unbefriedigende Situation sich in ein Lied schleicht, das hört man etwa in dem eigentlich eher unauffälligen Lied „Letzte Ausfahrt Liebe“ – es erzählt von einem Mann, der auf dem Nachhauseweg bei seiner Freundin vorbeifährt. Doch dann ist alles anders, als es in einem Schlager erzählt würde: keine liebevolle Umarmung, kein Ende des Getrennt – Seins, sondern das genaue Gegenteil: Ein anderer Mann ist bei ihr, und die Liebe ist zu Ende, so dass der Erzähler tatsächlich nur vorbeifährt. Das plätschert fast schon belanglos vor sich hin, doch im Grunde ist es eine traurige Geschichte ohne Happy End. Dies wird vom Leben geschrieben. UJ beleuchtet solche Geschichten aus verschiedenen  Blickwinkeln und verliert sich dabei nie in Schwülstigkeit oder Kitsch. Denn auch bei einem möglichen anderen Ausgang dieses Themas - etwa in „Ich war niemals fort von dir“ (aus dem Jahre  1983, auf dieser Tournee nicht gespielt) dort nämlich, wo es sehr wohl ein Happy End gibt und der Nachhauseweg in den Armen der Geliebten endet – sucht man Gefühlsduselei und Schmalz vergeblich.

Solche Erzählungen, die ganze Romane ausmachen könnten, umzusetzen in Musik, die auch noch vielen Menschen gefallen soll, das ist eine große Kunst! Ein übermächtiges Problem auf 4 Minuten zusammengeschnürt und dennoch in sich schlüssig, verständlich und von einer Musik transportiert, die einem vielleicht auch noch die Tränen in die Augen treibt – diesem Anspruch werden nicht viele gerecht! UJ präsentiert auf seiner neuen Tournee ein überaus anspruchsvolles Programm – anspruchsvoll für das Publikum und auch für ihn selbst. Denn die Texte sind sehr komplex, die Melodien eine Herausforderung an seine Stimme, die er gern annimmt und die er perfekt beherrscht. Anspruchsvoll auch, weil nicht ein einziges Lied qualitativ aus dem Rahmen fällt, nicht einmal die Lieder, die üblicherweise auch auf dieser Tournee Begeisterungsstürme hervorrufen und die jede Halle zum Kochen bringen. Denn selbst sie werden dieses Mal etwas differenzierter eingesetzt: Bei „Ein ehrenwertes Haus“ etwa bremst UJ sein eigenes Publikum sogar regelrecht aus, das begeistert schon bei den ersten Takten mitklatscht. Doch er hält einfach wieder inne, steigt gleichsam auf die Bremse, bleibt auf einem Ton stehen, bevor er ein paar weitere Zeilen anstimmt, denn dieses Lied ist ja eigentlich ein sehr sozialkritisches, was im allgemeinen Begeisterungssturm oft untergeht. Und schlagermäßiges Klatschen allein wird ihm mit Sicherheit auch nicht gerecht! Aber dann lässt er natürlich die Zügel schießen, denn das Volk fordert, und es soll gefeiert werden!

Apropos Sturm zur Bühne: es ist ja nun auch hinlänglich bekannt, dass die vorderen Reihen innerhalb weniger Sekunden von den besten zu den schlechtesten Plätzen mutieren. Aber das ist der Preis für die  Begeisterung, und man kann es ja auch entweder mit ein wenig Grandezza hinnehmen oder – wie UJ empfiehlt - einfach mitmachen!

Das Konzert kommt mit auffallend wenig Show – Effekten aus, wenn man einmal von einer Step - Einlage mit Billy Kudjoe absieht. Dadurch wirkt es fast schon puristisch, und ganz eindeutig geht es hier nur um eines: die Musik! Sie ist das Programm, und sie ist die Show!

Insofern ist dies auch eine logische Fortsetzung der letzten Tournee „Es lebe das Laster“. Die ausgefeilten und mitunter hinreißenden Arrangements des neuen Arrangeurs Jörg Achim Keller tragen das ihre dazu bei, dass hier ein Facelift stattgefunden hat oder besser: ein Earlift! Es klingt neu, frisch, ausgewogen und jung. Als dann im letzten Drittel bei „Ich war noch niemals in New York“ die ersten Takte das Publikum zu Jubelstürmen hinreißen, als man noch den gewohnten Verlauf dieses Liedes erwartet – man hat es ja schon zahllose Male auf Konzerten so gehört – da erwischt UJ sein Publikum wieder – nein, nicht kalt, sondern heiß: Ein wahres Kaleidoskop von amerikanischen Hits wird eingeschoben, eine Hommage auch an Frank Sinatra – pures, nicht enden wollendes Entertainment - ein Feuerwerk, mit dem man schon nicht mehr gerechnet hatte. Das ist großartig und auch dank der vorzüglichen Stimmen des Begleitchores, dessen Mitglieder hier zu ihren Solo – Auftritten kommen,  auch unglaublich präsent.

Ein weiterer Höhepunkt sollte nicht unerwähnt bleiben – es ist eines der stillen, der leiseren und gerade darum so bewegenden Lieder, die UJ mit einem der großen Hits aus der Feder von Charlie Chaplin verwoben hat „Nur ein Lächeln“ und „Smile“. Auch dies ist für das Publikum eine Überraschung, und fast ist hier ein neues Lied entstanden, so gut und so harmonisch sind die Übergänge. Wundervoll auch hier die Stimme von Udos Mitsänger Stevie Woods.

Das Konzert ist fast schon zu Ende, als auffällt, dass etwas fehlt: Merci Chérie! Sollte er es etwa wirklich geopfert haben – nach all den langen Jahren? Doch dann die Erlösung mit dem  wirklich allerletzten Lied – Merci Udo! Ein Fazit: Einfach ich – einfach herausragend!

München, 24. Januar 2009

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