Im Gespräch mit Bandleader Pepe Lienhard

Fans von Udo und dem Orchester Pepe Lienhard können sich freuen: Die Tournee „Da Capo Udo Jürgens“ wird im Januar/Februar 2026 mit 11 Konzerten in Deutschland und Österreich fortgesetzt. Auf dem Tourplan stehen unter anderem Magdeburg, Münster, Frankfurt am Main, Stuttgart und Wien. Das Erfolgsgeheimnis von „Da Capo Udo Jürgens“? Zwischen Udo auf der riesigen Videoleinwand und dem fantastisch aufspielenden Orchester Pepe Lienhard, das live auf der Bühne vor der Videoleinwand spielt, verschwimmen Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Wirklichkeit.

37 Jahre lang war Pepe Lienhard der Bandleader von Udo Jürgens. Zehn Jahre nach dessen Tod machte er mit seiner Big Band, aber ohne seinen Chef im Rahmen der „Da Capo“-Tour weiter. Die erste Runde Ende 2024 war ein Riesenerfolg, nun folgt schon die zweite Fortsetzung der emotionalen Konzertreise. Autor Steffen Rüth traf Pepe in der Schweiz zum Gespräch.
Lieber Pepe, du lebst ja wirklich in einem Idyll.
Wir sind jetzt seit vierzehn Jahren hier und haben es noch keinen Tag bereut. So ein großes Haus mit Garten und einer Scheune, die ich mir zum Arbeitsplatz umgebaut habe, wäre in Zürich unbezahlbar gewesen. Frauenfeld ist unsere Heimat geworden. Das ist hier im besten Sinne eine Kleinstadt. Man kennt sich, man duzt sich, man kann aufeinander zählen. Und Platz genug für ein paar Volieren habe ich auch noch.
Früher, als du noch im Tessin lebtest, hattest du einen ganzen Zoo, oder?
Kann man sagen, ja. Das war in den Achtzigern, bevor ich Vater wurde. Ich hatte Flamingos, Kängurus, Tukane, Rhinozerosvögel und vieles mehr. Aber heute besitze ich keine tropischen Vögel mehr. Wenn ich die sehen will, fahre ich nach Costa Rica, mein absolutes Lieblingsreiseland.
So richtig viel Zeit für Urlaub hast du aber nicht.
Das stimmt, ich bin sehr beschäftigt. Jedes Konzert ist anders, das ist das Schöne an meinem Beruf. Auch nach so vielen Jahren kommt bei mir keine Routine auf.

Das war eine unfassbare Zeit, eine wunderschöne Zeit.

Pepe Lienhard
Was bedeutet die „Da Capo Udo Jürgens“-Tournee für dich?
Da Capo ist schon ein Glücksfall für mich, keine Frage. Als die Idee aufkam, habe ich sie gleich super gefunden. Aber dass es so toll funktioniert, hätte auch ich nicht gedacht. Man kann ja vieles planen und die großartigsten Ideen haben, aber am Ende ist es das Publikum, das entscheidet. Wir arbeiten mehr denn je. Und ich bin sehr glücklich. Denn natürlich war es ein Risiko, aber wir haben auf dieser Tournee die besten und fähigsten Leute in jedem Bereich.
Was ist das Besondere an Da Capo aus deiner Sicht?
Dass wir Udo wieder aufleben lassen können. Ich meine, für uns war das Kapitel irgendwie abgeschlossen. Wir haben 37 Jahre mit ihm gespielt. Das war eine unfassbare Zeit, eine wunderschöne Zeit – auch, weil ich immer den Traum hatte von der großen Band. Und das war halt wirklich nur möglich dank Udo, der ein Riesenstar ist und Udo, sich auch immer diese Band geleistet hat.
Eine Big Band ist kein Schnäppchen.
Nein. Ich meine, es gab gewiss mal Zweifel so nach der Devise „Brauchen wir so eine große Band, brauchen wir wirklich drei Posaunen?“ Aber nie von Udo, sondern von den Leuten, die auf das Geschäftliche schauen. Und Udo hat gesagt: Pepe entscheidet, was er sagt, wird gemacht. Diese Unterstützung ist nicht selbstverständlich, denn auch für ihn wäre mehr rausgekommen, wenn wir eine billigere Band gehabt hätten. Das war eine wirklich glückliche Fügung, dass wir da zusammengekommen sind. Das hat mir alle meine Träume möglich gemacht und so gesehen bin ich Udo persönlich auch unglaublich dankbar. Die Zeit mit ihm war super.

Das war eine wirklich glückliche Fügung, dass wir da zusammengekommen sind. Das hat mir alle meine Träume möglich gemacht und so gesehen bin ich Udo persönlich auch unglaublich dankbar.

Pepe Lienhard
Wie fühlt es sich an, nun wieder neben Udo Jürgens auf der Bühne zu stehen?
Dass wir das jetzt nach zehn Jahren nochmal erleben dürfen, ist sensationell. Wir haben natürlich immer von Udo gesprochen, das ist ja klar nach so vielen gemeinsamen Jahren. Seit er nicht mehr lebt, habe ich auch auf meinen Konzerten mit meiner Big Band immer Udo-Titel gespielt. Vorher nie. Aber ich habe nie mit einem Udo-Imitator gearbeitet, das wollte ich nicht. Wir haben die Titel auf unsere Art mit der Big Band bearbeitet.  Wir haben Udos Musik gewürdigt und lebendig gehalten. Aber, dass wir jetzt mit Udo selber nochmal wieder dank Da Capo spielen können, ist schon sehr emotional. Vor allem am Anfang. Inzwischen breche ich nicht mehr jedes Mal in Tränen aus, wenn Udo auf der Leinwand erscheint.
An welchen Stellen kommt denn auch jetzt noch vielleicht mal ein Tränchen?
Zum Beispiel beim Lied „Der Gekaufte Drachen“, das von einem Sohn handelt, dessen Vater viel arbeitet und nicht immer zuhause ist.  Es soll ja auch emotional sein. Wir spielen diese Show jetzt seit zwei Jahren. Die Fans waren am Anfang skeptisch. Aussagen wie „Wir wissen nicht, ob wir das sehen wollen, ob das nicht unsere Erinnerung zerstört oder schmälert“, kamen nicht selten. Und jetzt sind alle total begeistert. Die Leute vergessen während der Show wirklich, dass Udo nicht mehr lebt. Das ist schon sehr ergreifend. Es ist ja auch keine dieser Phantom-Shows wie bei Abba, mit den Avataren und so. Das ist schon was anderes. Das würde ich jetzt komisch finden, wenn Udo als Avatar da irgendwie plötzlich wieder so dreidimensional auf der Bühne rumspazieren würde. Man weiß bei uns, die Aufnahmen sind aus den Konzerten 2014, 2012 oder sogar original vom Grand Prix Eurovision de la Chanson. Wir spielen heute live dazu. Das ist eine ehrliche Sache. Hinzu kommt eine wahnsinnig schöne Inszenierung. Mit Licht, das auf die Songs abgestimmt ist. Livekameras, die Duette zusammenfügen und Bilder und Lichtshows auf drei LED-Wänden wiedergeben. 

Die Leute vergessen während der Show wirklich, dass Udo nicht mehr lebt. Das ist schon sehr ergreifend.

Pepe Lienhard
Gibt es Neuerungen gegenüber der ersten „Da Capo“-Tour 2024?
Wir spielen einige Songs, die wir im Live-Mitschnitt von 2014 nur im Medley hatten, also „Ein ehrenwertes Haus“, „17 Jahr, blondes Haar“ und „Aber bitte mit Sahne“ nun komplett. Die fehlenden Teile übernimmt dabei der Moderator, das funktioniert ganz wunderbar. Zudem haben wir jetzt die Originalaufnahme vom Eurovision Song Contest 1966 in Luxemburg, wo Udo „Merci, Chérie“ gesungen hat. Die Stimme ist von damals, und wir spielen live ein neues Arrangement dazu.
Wie war sie überhaupt, die Arbeit mit Udo Jürgens?
Sie konnte fordernd und anstrengend sein. Udo war streng gegenüber seiner Mannschaft, aber am strengsten gegenüber sich selbst. Udo hat sich nie, nie ausgeruht. Selbst bei den langen Tourneen mit bis zu 150 Konzerten nicht. Da hat er am letzten Konzert noch was geändert. Man konnte nie auf Autopiloten schalten. Dafür wussten wir: Wenn Udo gesund bleibt, werden wir noch lange mit ihm arbeiten.
Du warst in der Schweiz ein aufstrebender Musiker und hattest gerade mit „Swiss Lady“ am Eurovision Song Contest teilgenommen, als du 1977 mit Udo Jürgens zusammengetroffen bist. Wie erinnerst du dich an den Beginn eurer Zusammenarbeit?
Durch etwas unangenehme Umstände – Probleme mit der Steuer – kam Udo in die Schweiz. In Deutschland durfte er zu der Zeit nicht auftreten, also unternahmen wir 1977 eine Amerika-Tournee. Da haben wir gemerkt, dass es funktioniert. Nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich und von der Einstellung zur Musik her. Wir haben uns angefreundet, und wahrscheinlich hätte eine normale Tour uns nie so nahegebracht wie diese USA-und-Kanadareise, wo uns in manchen Städten wirklich kaum jemand kannte. Wir waren im Wohnwagen unterwegs, ohne Luxus, das war ein richtig rustikales Abenteuer. Die Tournee war sehr erfolgreich, auch wenn wir fast ausschließlich für die vielen deutschen Auswanderer dort in der amerikanischen Provinz gespielt haben.
Fand Udo das cool?
Ja, er hat das richtig genossen. Er hat nach den Shows gern mit uns Musikern abgehangen. Wir wussten ja, was für ein Star er ist, aber diese Distanz hat er nie ausgelebt. Bis auf zwei, drei Ausnahmen sind von den 25 Musikern, die 2014 die letzte Tour mit Udo spielten, jetzt bei „Da Capo“ wieder alle dabei.
Was würde er wohl heute für Lieder schreiben?
Ich glaube, er würde sich auch zur Politik äußern. Das Schimpfen auf die Schulen, das Schimpfen auf die Ausländer, dieses undifferenzierte Draufhauen auf alles und jedes, das hat er nie gemocht. Udo war mutig. Ein Lied wie „Gehet hin und vermehret euch“, mit dem er sich mit der katholischen Kirche anlegte, hätten nicht viele seiner Kollegen gemacht. Sein Credo ist ja immer gewesen, dass Unterhaltung viel mit Haltung zu tun hat. Respekt und Anstand waren ihm sehr wichtig. Würde er heute noch leben, fände er vieles nicht so lustig, was gerade passiert.

Bis auf zwei, drei Ausnahmen sind von den 25 Musikern, die 2014 die letzte Tour mit Udo spielten, jetzt bei „Da Capo“ wieder alle dabei.

Pepe Lienhard
Das Herzstück von „Da Capo“ ist das letzte Konzert vom 7. Dezember 2014 im Hallenstadion Zürich. Welche Erinnerungen hast du an diese Show?
Sehr gute. Das war das Abschlusskonzert von der ersten Tourhälfte. Udo war ein bisschen emotional und melancholisch, weil er wusste, jetzt würde er zwei Monate nicht auf der Bühne stehen. Aber wir waren alle sehr gut drauf, Zürich war ein Heimspiel, und Udo wollte den Jahreswechsel in seinem Haus an der Algarve verbringen. Vorher haben wir uns noch zum Essen getroffen, das war ein wahnsinnig schöner Abend. Er nahm mich in den Arm und dankte mir, dass ich ihm immer den Rücken freigehalten habe.
Wo habt ihr zu Abend gegessen?
Bei einem Italiener in Weinfelden, den es nicht mehr gibt. Er hat dort sehr gern gegessen und guten Wein getrunken. Wir haben an dem Abend sogar Pläne geschmiedet, ein großes Open Air auf dem Rathausplatz in Wien mit den Sinfonikern. Von Abschied war nie die Rede. Udo hatte noch genug Energie für zwei, drei Tourneen, davon bin ich überzeugt. Die Kraft war da.
Weißt du noch, was ihr gegessen habt?
Lienhard: Kaninchen. Das mochte er gern. Ich erinnere mich nicht mehr an den Wein, ich weiß aber noch, dass wir – unsere Frauen waren auch dabei – eine zweite Flasche aufgemacht haben. Und dann bleibt einfach sein Herz stehen, und es ist vorbei.
Du wirst im kommenden März 80. Dann bist du so alt, wie Udo war, als er starb. Denkst du über so etwas wie den Abschied von der Bühne nach?
Es wird von mir nie eine Abschiedstournee geben. So lange die Gesundheit mitspielt, werde ich auf der Bühne stehen. Das hat Udo auch so gemacht. Ich meine, er war ein 80-jähriger Mann, aber er war fit bis zum Schluss. Er hat keine Textfehler gemacht, musste sich nie korrigieren, er war voll da. Manche sagen, am Ende habe er müde gewirkt. Das habe ich ehrlich gesagt nicht so empfunden. Er hat sogar noch getanzt auf der Bühne.
Das können wir von dir aber nicht erwarten, oder?
Nein, da hat die Arthrose in meinen Knien ein bisschen was dagegen (lacht). Natürlich wäre ich lieber 60 als 80, aber das Älterwerden bleibt keinem von uns erspart. Ich sehe die Zukunft positiv. Und ich habe eine Menge vor. Nach „Da Capo“ werde ich im Mai in der Schweiz meine „Celebration Tour“ in elf Städten spielen, mit Big Band, Streichern und vier Gesangssolisten. Das ist für mich ein weiteres Highlight und so ein bisschen mein Geburtstagsgeschenk an mich selbst.
 
Und wie wirst du deinen Geburtstag am 23. März verbringen?
Eine große Party werde ich nicht schmeißen. Wahrscheinlich mache ich mir einen schönen Tag im engsten Kreis mit der Familie. Mit meinen Freunden möchte ich lieber auf meinen Konzerten feiern – und mich feiern lassen (lacht).

Ich sehe die Zukunft positiv. Und ich habe eine Menge vor.

Pepe Lienhard
Zu feiern gibt es einiges. Es heißt, als du mit 15 Jahren Quincy Jones live gesehen hast, wusstest du, was du beruflich machen möchtest.
Quincy mit seiner Band live zu sehen, das war für mich wie eine Erleuchtung. Es war wie ein wahrgewordener Traum, ihn später persönlich gut kennenzulernen. Besonders intensiv hatten wir 2008 beim Jazz Festival in Montreux miteinander zu tun, wo ich ein Konzert zu seinem 75. Geburtstag zusammenstellen konnte, unter anderem mit Chaka Khan und Herbie Hancock. Ich durfte dieses Konzert leiten, das war schon krass. Quincy kam und umarmte mich, das war wie ein Ritterschlag.
Was hat dich an Quincy Jones besonders fasziniert?
Die Art, wie er Jazz spielte. Nicht schräg oder Avantgarde, sondern populär und gefällig. Und er hatte eine Wahnsinnsband, nur mit den allerbesten Musikern. Als Gymnasiast war ich von ihm total verzaubert. Zudem hatte er diese musikalische Bandbreite, er hat auch Hip-Hop produziert und natürlich Michael Jackson. Wo Quincy war, galt das absolute Top-Level.
1983 und 1984 hast du die Hausband im „Sporting Club“ in Monte Carlo geleitet. Unter anderem habt ihr mit Frank Sinatra und mit Paul Anka gespielt.
Ja, und mit den Supremes, Shirley Bassey, Harry Belafonte, Sammy Davis Jr. und vielen mehr. Frank Sinatra hat mich tatsächlich sehr beeindruckt. Der war bei den kompletten Proben dabei, das hätte ich nicht erwartet von jemandem wie ihm. Er hat sich eingebracht und ganz dezidiert gesagt, was wir mit dem Orchester vielleicht noch besser machen könnten. Frank war wirklich sehr nett. Die Zickereien hattest du immer mit den Gesangsstars aus der zweiten und dritten Liga. Die haben ihre Unsicherheit gern so ein bisschen auf die Band übertragen.
Wie war Whitney Houston?
Unglaublich. Wir haben zwei Titel in einer Fernsehsendung zusammen gespielt. Sie war damals 19, hatte gerade ihren ersten Nummer-eins-Hit gehabt und sah umwerfend aus. Wir waren alle sprachlos, vor allem, als sie darauf bestand, nicht wie üblich Playback, sondern live zu singen. Whitney hat gesungen wie ein Engel. Leider ist sie dann abgestürzt. Ich habe ihr letztes Konzert in der Schweiz gesehen, das war ein Trauerspiel. Sie konnte wirklich nicht mehr singen. Sie hat mir so leid getan. Das war schon tragisch.

Quincy mit seiner Band live zu sehen, das war für mich wie eine Erleuchtung.

Pepe Lienhard
Hörst du direkt raus, ob aus einer Nachwuchsbegabung ein Superstar werden kann?
Nein, das nicht, aber bei einer Lady Gaga oder einer Amy Winehouse hat es mich nicht gewundert. Die waren beide außergewöhnlich. Aber manchmal singen jetzt Leute im Stadion vor 40.000 Menschen, die einem als der oder die Größte überhaupt verkauft werden, dann geh ich da hin und denke „Okay, Zweck erfüllt, aber für mich ist das nichts“. Aber vielleicht bin ich als 80 Jahre alter Mann auch nicht das Zielpublikum.
Sondern eher deine Enkel.
Das kann gut sein. Die Familie wächst und gedeiht jedenfalls. Ich habe zwei Söhne aus meiner Jugend quasi, die sind in den Vierzigern. Einer von ihnen hat zwei Kinder, die jetzt auch schon 18 und 20 sind. Meine beiden Töchter aus erster Ehe sind 35 und 37. Die Ältere hat drei Kinder.  Der Älteste von meiner Tochter spielt Trompete. Aber mir scheint, dass ihn der Fußball noch mehr interessiert.
In welchem Alter ist denn überhaupt das „Da Capo“-Publikum?
Es kommen auch Jüngere. Aber das sind vielleicht meist die Mitgeschleppten, wie Udo sie liebevoll genannt hat. Ich denke, es kommen viele Menschen in meinem Alter und ein bisschen jünger, die Udo nochmal sehen wollen. Und einige von denen bringen vielleicht ihre Kinder und Enkel mit.

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