Wie
ein positives Omen entdeckt Heinrich Bockelmann schon kurz nach
seiner Ankunft in Russland in einem Moskauer Antiquitätengeschäft
eine Bronzestatue, die einen Mann mit einem Fagott darstellt.
Das Geheimnis um diese Bronzefigur und jenen Fagottspieler in
Bremen, der ohne es zu wissen, seinen Lebensweg mitbestimmt hat,
zieht sich als Leitmotiv durch den gesamten Roman.
Die
Familie Bockelmann erlebt glückliche, erfolgreiche Jahre
im Moskau – allerdings werfen Demonstrationen, der Petersburger
"Blutsonntag" von 1905 und die Straßenkämpfe
zwischen Revolutionären und zarentreuen Bürgern die
ersten Schatten eines Umsturzes voraus. Als im der Erste Weltkrieg
ausbricht, werden die Deutschen über Nacht zum Feind in Russland.
Heinrich Bockelmann versucht mit seiner Familie die Flucht nach
Schweden, doch während Anna und die Söhne das Land tatsächlich
verlassen können, wird er im letzten Augenblick verhaftet
und in die Verbannung nach Wjatka geschickt. Beinahe ein Jahr
vergeht, bis ihm die Flucht nach Schweden gelingt, wo er mit Hilfe
seines alten Freundes Baron Rothschild einen Neubeginn startet.
Er leidet sehr unter dem Krieg zwischen seinen beiden Heimatländern,
und schließt sich schließlich jener Initiative deutscher
Geschäftsleute an, die 1917 den Revolutionär Wladimir
Iljitsch Lenin in dem berühmt gewordenen Zug aus dem Schweizer
Exil nach Rußland bringt, wo Lenin den ersehnten Frieden
zwischen den Ländern herbeiführen möchte.
Letztendlich
kehrt Heinrich 1921 nach Deutschland zurück. Jahre später
treibt das Erstarken des Nationalsozialismus den leidenschaftlichen
Demokraten wieder von Deutschland fort – zunächst nach
Österreich, wo er Schloss Ottmanach samt Landbesitz kauft
und schließlich nach Meran, wo er im Februar 1945 stirbt,
ohne zu wissen, was aus seinen Söhnen geworden ist, die der
Sturm der Zeit in alle Himmelsrichtungen verstreut hat.
Erwin,
der Älteste, wird nach dem Krieg zu einem wichtigen Mann
in der Ölindustrie. Udo Jürgens’ Vater Rudi, der
Zweitgeborene, verwaltet Schloss Ottmanach, gerät in der
Nazizeit in die Fänge der Gestapo, überlebt, zum Tode
verurteilt, nur dank des herannahenden Kriegsendes. Der dritte
Sohn, Werner Bockelmann, ist in seiner Jugend Mitglied der kommunistischen
Partei und wird später zu einem der wichtigsten sozialdemokratischen
Politiker Nachkriegsdeutschlands. Unter anderem empfängt
er 1963 als Oberbürgermeister von Frankfurt am Main John
F. Kennedy bei seinem legendären Deutschland-Besuch im Frankfurter
"Römer". Johnny, der Jüngste, kehrt erst nach
Jahren der Entbehrungen in russischer Kriegsgefangenschaft und
auf höchst abenteuerlichen Wegen nach Deutschland zurück.
Udo
Jürgens, einer der drei Söhne von Rudi Bockelmann, wächst
auf Schloss Ottmanach auf und macht als Musiker eine Ausnahmekarriere.
Sein ungewöhnliches Leben führt ihn immer wieder auch
an die Schauplätze der historischen Ereignisse seiner Zeit.
So erlebt er als Kind Nazideutschland und das Kriegsende. Als
Dreiundzwanzigjähriger bereist der unbekannte junge Musiker
Amerika, das Land seiner musikalischen Träume, und erlebt
dort Rassenunruhen und das Erstarken der Bewegung um Martin Luther
King. Er erfährt 1961 aus den Medien und in Gesprächen
mit seinem Onkel Werner, wie die Berliner Mauer gebaut wird, und
ist 1989 hautnah dabei, als sie fällt.
Das
weitreichende Schicksal der Familie Bockelmann wird zum spannenden
Beispiel für die europäische Geschichte des Zwanzigsten
Jahrhunderts: vom Glanz und Reichtum der Zarenzeit über zwei
Weltkriege, die Schreckensherrschaften der kommunistischen und
nationalsozialistischen Diktaturen, von Gefangenschaft, Flucht,
Befreiung, dem Kampf für Humanität und Demokratie bis
schließlich hin zum Ende des Kalten Krieges und Sieg des
geeinten Europa. Hat sein Großvater Heinrich Bockelmann
noch die Freundschaft zwischen Russland und Deutschland erlebt,
so ist Udo Jürgens-Bockelmann Zeitzeuge des Anbruchs einer
neuen Zeit, eines neuen Europa.